16.03.2012

eBooks und das liebe Geld

Oder das böse Geld, je nachdem wie ihr das eben haltet, das ist ja trotz aller römischen Kloweisheiten immer noch eine strittige Frage. So oder so ist die Frage der angemessenen Bezahlung eine der größten unter eBook-Autoren und auch eine der unbeantwortetsten (ja, ich weiss, dass man das nicht steigern kann, ich ignoriere es lediglich um einen halbwegs graden Satz bauen zu können ohne eine Klammer einfügen zu müssen, die mehr als eine komplette Zeile lan... ach, Mist).

Ich muss ehrlich sagen, dass die Frage für mich nur in geringem Maße eine ist. Ich verlange einfach, was ich bezahlen würde. Diesen Sinn habe ich über Jahre durch Flohmarktbesuche geschärft, was ich jedem empfehlen kann, der Preisfindung für Objekte ohne festen Warenwert trainieren will. Also: Indie-Autoren, geht auf den Trödelmarkt. Mindestens einmal auf jeder der beiden Seiten des Tisches (oder Teppichs, oder Anhängers, oder was auch immer als Verkaufsfläche dient). Dort kann man dann lernen, was die Dinge den Leuten wirklich wert sind statt was die Hersteller ihrerseits gerne dafür verlangen. Grade bei Kultur (sprich: Büchern, aber auch Filmen, weniger bei Videospielen) ist die Differenz zuweilen enorm. Mein Preismuster, eBooks im Bereich von 0,89 bis 4,99 € anzubieten und alle Preise darüber nur für wirklich, wirklich verdammt gute Autoren sowie einige Sachbücher mit ausreichend hohem Informationsgehalt gelten zu lassen kommt aus diesen Erfahrungen in der Frage, was den Leuten ein Buch wirklich wert ist.

Nun höre ich bereits den Aufschrei, für eine solche mit Herzblut über Monate wenn nicht Jahre geschriebene Arbeit wie den eigenen Roman könne man nie im Leben so wenig Geld verlangen. Dem liegen mE zwei fehlerhafte Wahrnehmungen zu Grunde:

  1. Der Preis wird vom Autoren am Einzelexemplar beurteilt
  2. Der Preis wird mit gedruckten Büchern verglichen ohne zu sehen, wieso diese eigentlich so teuer sind
Und weil da jetzt schon niedliche kleine Zahlen davorstehen fang ich mit dem ersten Punkt an. Ist auch kürzer anzugehen:
Beim Schreiben des Buches entsteht nur einmal Arbeitsaufwand, weitgehend unabhängig davon, wie oft sich das Buch verkauft. Ich sag „weitgehdn“, weil Marketing ja durchaus einen Einfluss hat, aber auch dieser Aufwand und diese Kosten fallen nur einmalig an und sind zudem freiwillig. Die zentrale Leistung beim Schreiben ist das Schreiben und das ist in der Regel abgeschlossen, sobald das Buch raus ist.
Der Verdienst aber fällt jedes Mal an, wenn ein Exemplar verkauft wird. Der Autor lebt nicht von den Tantiemen eines Buches, sondern von den Tantiemen seiner Gesamtauflage. Diese sind für den Autoren ausschlaggebend. Wofür das Buch beim Kunden landet kann ihm relativ egal sein, worauf es ankommt ist, den Preis so einzustellen, dass ein möglichst hoher Betrag bei ihm ankommt - dazu kann es eine bessere Strategie sein, viele Exemplare billig zu verkaufen als wenige oder gar keine teuer (muss aber nicht). Der einzige, für den der Preis eines Einzelexemplars eine entscheidende Rolle spielen sollte ist der Leser.

Die zweite Wahrnehmung gründet einfach darin, dass der Durchschnittskunde nicht weiss, welche Kosten alle in ein Buch einfließen. Es sind ja nicht nur Druck, Marketing, Verkauf, Steuer und Lektorat. Nein, viel wichtiger ist das aufgeblähte Management, das auf jeder dieser Ebenen verdient. Verlagshäuser sind riesige Wirtschaftsunternehmen mit eigenen Anwälten, Steuerberatern, Handelsvertretern, Organisatoren, Werbeleuten usw. usf. Der Buchhandel nimmt sich vom Preis mal eben 50-60% vom Ladenpreis, die sich Grossist und Buchladen teilen. 5% Druckerei, 7% Mehrwertsteuer, etliches an Kleinkram... am Ende erhält der Autor zwischen 8 und 12% vom Preis des Buches (in der Regel 8%, bewährte Autoren 10%, Bestseller bis zu 12%). Und selbst wenn die Verlage wollten, könnten sie nicht mehr bezahlen, denn sie haben ihre eigene Verwaltung und den ganzen Arbeitnehmerapparat zu bezahlen. Deshalb ist auch Imre Töröks Forderung, die Verlage sollten Autoren fair bezahlen unsinnig - die Verlage könnten die Autoren nicht einmal fair bezahlen ohne damit Harakiri zu begehen, wenn sie wollten.
Indie-Autoren haben diesen ganzen Überbau nicht. Und das macht einiges aus: Verkauft ein Indie-Autor ein Exemplar eines Buches für 2,99 €, hat er davon etwa 2 € Einkünfte. Für die selben Einkünfte müsste ein verlagsgebundener eBook-Autor (der etwa 20-25% des Verkaufspreises erhält) ein Buch für etwa 8-10 € verkaufen, der Verfasser eines Printbuches muss dem Kunden dafür 20 € abnehmen. Oder kurzgefasst: Aus Autorensicht entspricht ein Verkauf eines eBooks für 3 € dem Verkauf eines normalen Buches für 20 €. Die Einkünfte aus einem eBook für 9,99 € entsprechen denen aus einem Papierbuch für etwa 70-80 €.
Ich bin der festen Überzeugung, wer meint, eBook-Preise seien zu gering weiss mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht, wie wenig Autoren eigentlich an einem klassisch verlegten Buch verdienen. Wenn gleichzeitig Autoren mehr Geld verdienen können und Leser dafür weniger Geld ausgeben müssen, dann nenne ich das eine Win-Win-Situation, die zu bekämpfen keine gute Idee wäre. Klar, die großen Verlierer hierbei sind die plötzlich ausserhalb des Spiels stehenden Verleger, die vom notwendigen Mittelmann zu jemandem geworden sind, der beim Kontakt zum Kunden nur noch im Weg steht. Ich glaube aber, dass mit der Unabhängigkeit der Autoren mehr gewonnen ist als durch den Untergang des Verlagswesens verloren geht. Kulturell wie auch was Arbeitsplätze angeht (das Management wird arbeitslos, dafür können dank höherer Einkünfte künftig deutlich mehr Autoren vom Schreiben leben).

Und das ist, in einem Beitrag, weshalb ich es nicht verstehe, wenn selbstverlegte Autoren sich über zu niedrige eBook-Preise aufregen.
Es gibt noch einige zusätzliche Fragen, die da rein spielen, etwa die sozialpolitische Frage nach dem Zugang zu Wissen und Kultur für einen möglichst breiten Bevölkerungsanteil. Aber das ist nochmal eine andere Diskussion.

Nachtrag für FeministInnen, Feminist_innen usw.: Ja ich weiss, dieser Text ist nicht gegendert. Sind meine Texte fast nie, aber normalerweise tauchen in meinen Texten auch keine Berufsbezeichnungen in solcher Dichte auf. Daher ein paar vorläufige Sätze hierzu: Ich halte es - da bin ich mit den russischen Feministen einig - für diskriminierend, männliche und weibliche Autoren (oder sonstige Berufsstände) sprachlich zu unterscheiden. Ich überlege daher derzeit, einfach die Berufsbezeichnung mit dem Artikel „das“ zu verwenden, das ergibt nicht annähernd so üble grammatisch-orthografische Verrenkungen wie der ganzen „-innen“-Quatsch. Manchmal merkt man mir den Sprachwissenschaftler halt doch an. Dazu mehr, wenn ich mir eine abschließende Meinung dazu gebildet habe.

1 Kommentar:

Eileen hat gesagt…

Hallo Thomas
Guter Artikel! Stimme dir in vielen Punkten zu. Hinzufügen würde ich gerne, dass ich nicht verstehen kann, warum manche Autoren - sind es in diesen Fällen "sogenannte Autoren" ? - für manch seltsames Werk überhaupt Geld verlangen, statt es irgendwo gratis anzubieten. Habe das ungute Gefühl, dass eine Art Missbrauch des Selbstverlegens mittels KDP am Kommen ist. Das ist beunruhigend, da es die Leser ärgert und dann vielleicht eine Generalisierung stattfindet. Da werden mittlerweile Mini-Werke zum Verkauf angeboten: zwei Buchseiten z.B.. So produziert der "fleißige" Mini-Werke Autor ganz viele Titel und bietet sie für 89 oder 99 Cent an. Kleinvieh macht auch Mist, denkt er sich, und ganz viel Kleinvieh macht noch mehr Mist. Mist denkt der Leser, diese selbstverlegten Autoren !!
Ich bleib aber noch optimistisch, dass auf irgendeine Weise ein natürliches System wachsen wird, dass es dem Leser ermöglicht, sofort die Spreu vom Weizen ... und so fort ... Drücken wir feste die Daumen.
Liebe Grüße
Eileen