29.02.2012

eBook-Land: Woche 19

Bücher im Verkauf: 3 | Eigene: 1 | Einkünfte bisher: 44,67 € | Händler: 6
Eine kleine Veränderung noch einmal: Den Abschnitt „Kindle gegen Bücherregal“ gebe ich auf, da er offenbar niemanden interessiert hat. Protest wie immer bitte unten in den Kommentaren. Oder meinetwegen auch per Twitter, Facebook oder wüster Beschimpfung auf der Straße. Ich bin Politiker bei den Grünen, ich bin sowas gewöhnt.
Diesmal kommt eBook-Land einen Tag später, da mich mitten im Schreiben diese Mitteilung erreichte, woraufhin ich erstmal offline ging und kurz danach auch bis in den späten Abend eine Sitzung hatte. Ich bitte um Verständnis dafür.

In eigener Sache
Viel gibt es nicht zu berichten, mir ist aber aufgefallen, dass die Verkäufe auf allen großen Märkten, in denen ich präsent bin (USA, UK, Deutschland) überraschend anziehen. Da die drei Bücher von unterschiedlichen Autoren sind und ich nur eines davon (mein eigenes) nennenswert beworben habe, ist das auffällig, aber ich kann noch nicht wirklich etwas damit anfangen. Kann man davon ausgehen, dass eBooks bei Amazon nach drei Monaten Präsenz im Bestand eine Art Eigenwachstumseffekt zeigen? Oder hängt das mit dem Wachstum des Marktes zusammen? Oder ist es am Ende nur Zufall?Fragen, die ich mit meinen spärlichen Daten nicht beantworten kann. Hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht?
Dafür kann ich zur Lösung einer anderen Frage beitragen: Lohnt es sich, eBooks vorübergehend kostenlos anzubieten? Ich habe ja ein Twitter-Konto, das sich auf die Bewerbung kostenloser eBook-Angebote spezialisiert hat. Und da das bei Amazon und iTunes Affiliate-Links nutzt, habe ich daraus einige extrem interessante Datensätze bekommen, was das Verhalten der Nutzer solcher Angebote angeht. Noch ist das nicht ausgewertet, aber was sich abzeichnet ist: Es hängt davon ab, was man will, aber im Gegensatz zu den bisherigen Annahmen lohnt es sich für Verfasser von Einzelwerken mehr als für Anbieter mit eBook-Serien, denn die Käufer kostenloser Werke geben grundsätzlich kein Geld für eBooks aus und lassen sich offenbar auch von Serieneinstiegen kaum ködern. Daie Daten sagen offenbar aber auch, dass ein kostenloses Angebot praktisch keinen finanziellen Verlust darstellt, da man damit Leser erreicht, die ohnehin nie Geld ausgegeben hätten. Das gibt es dann nächste Woche ausführlich mit Zahlen und allem, wahrscheinlich in einem separaten Beitrag, weil es wirklich umfangreich wird.
Was die Anführungszeichen angeht, fand ich die Teilnahme an der hiesigen Umfrage etwas mager, daher habe ich sie nochmal beim Umfrageportal Toluna eingestellt. Auch darüber werde ich berichten, sobald die Zahlen endgültig sind. Zu meiner Überraschung führen die klassisch-deutschen Anführungszeichen im Moment deutlich. So deutlich, dass ich mich fragen muss, wieso die anderen Optionen hierzulande im Buchdesign überhaupt Anwendung finden.

Aus der Szene
Die großen Nachrichten der Woche sind Buchlöschungen: Zunächst die etwas untergegangene Meldung, dass Amazon zur Durchsetzung seiner Preisvorstellungen tausende zu teure eBooks gelöscht hat. Anders als bei früheren Skandalen bleiben gekaufte Bücher nun den Kunden zwar verfügbar, aber es ist doch auffällig, wie stark Amazon versucht, in die Marktstrategien der Verlage einzugreifen. Die mögen Müll sein, aber einem Buchhändler steht es eigentlich nicht zu, so tief in die Tätigkeit der Verlage einzugreifen.
Wem das allerdings noch weniger zusteht, sind die Dienstleister der Finanztransaktionen. Entsprechend war es denn auch der größere Skandal, dass Paypal - nicht zum ersten Mal - aktiv in das verkaufte Warenangebot eingreift und Smashwords nun also diverse Erotika-Inhalte untersagt. Die Inhalte sind ohne Frage solche, die auch ich nicht sehen will (Sodomie, Inzest, Pseudo-Inzest, nicht einvernehmliches S/M), aber sie sind als Buchinhalt nicht illegal (Pseudo-Inzest, also Inzest unter entfernt Verwandten oder Verschwägerten sowieso nicht) und wenn ein Händler diese anbieten will, so soll er dies tun. Ich muss es ja nicht lesen.
Zu einem angenehmeren Thema: Bei der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) gab es endlich mal einen differenzierten Artikel zum Thema Status des Urheberrechts, der weder den Verschärfern noch den Auflösern nach dem Mund spricht. Das war eine angenehme Überraschung.
Der VdZ (Verband der Zeitungsverleger) beschwert sich in Brüssel darüber, dass Google kostenlos Werbung für sie macht, was ausser bei mir auch bei CARTA zu Verwunderung führt.
Auf jeden Fall noch hinweisen möchte ich auf Emily Bolds Beitrag zur Zukunft des eBooks oder genauer gesagt auf die Kommentare dazu. Auf jeden Fall lohnendes Lesefutter.
Achja, Apples Kopierschutz wurde erstmals geknackt.
Ebenfalls unter „ferner liefen“: Eine Studie stellt wenig überraschend fest, dass eBooks nicht im stationären Buchhandel verkauft werden. Wie davon irgendjemand überrascht sein kann, ist mir ein ernsthaftes Rätsel.

21.02.2012

eBook-Land: Woche 17 und 18

Bücher im Verkauf: 3 | Eigene: 1 | Einkünfte bisher: 41,26 € | Händler: 6
Sorry für die zeitbudgetbedingte (was für ein Wort!) Pause, dafür gibt's dann halt heute eine Zusammenfassung beider Wochen.

In eigener Sache

Nummero Uno, jawollja! Okay, der Reihe nach: Gestern verkaufte mein Buch Dieses Cover ist Müll! Lernen Sie warum glatt an zwei Tagen hintereinander je ein Exemplar. Normalerweise geht davon eines alle zwei Wochen weg. Der Effekt: Es ging auf Platz 8 unter allen Kindle-Büchern in der Kategorie »Film, Kunst & Kultur > Design«. Ja wirklich, das waren nur zwei verkaufte Exemplare, die Kategorie ist also offenbar wirklich umsatzschwach. Unter allen Kindle-Büchern insgesamt kam es damit in den Bereich um Platz 19.000. Hier der Screenshot von gestern nachmittag:
Ein weiteres verkauftes Exemplar am Folgetag (heute) erhöhte die Platzierung auf Nummer 1 in der Kategorie »Design«, 43 in »Computer & Internet« (wo es vorher nicht in die Ränge gekommen war) und 5.336 insgesamt. Ausserdem war es damit auf Platz 50 in der übergeordneten Kategorie »Film, Kunst & Kultur«, zwischen Verdis La Traviata und Alice Schwarzers Autobiografie.
Okay, das sind ein paar verdammt interessante Zahlen. Die Kategorie »Film, Kunst & Kultur« enthält momentan 1.881 Bände, insgesamt gibt es während ich dies schreibe 64.314 deutschsprachige Kindle-Bücher bei Amazon. Die obigen Zahlen bedeuten, dass nur etwas weniger als ein Drittel der Bücher es schafft, täglich ein Exemplar zu verkaufen, in meiner Kategorie schrumpft diese Zahl auf ein Dreissigstel. Die ganze Kulturkategorie ist eine eher unbeliebte und ich würde bei diesen Zahlen nicht empfehlen, dort ein Buch einzustellen, wenn es nicht zwingend dort hineingehört. »Computer & Internet« hingegen ist eine kleinere Kategorie (1.115 Bände), bei der es aber deutlich schweriger ist, in die oberen Ränge zu kommen. Mit einem Zwanzigstel über 1 Buch pro Tag immer noch unterdurchschnittlich, aber deutlich besser als Kultur. In Design verkauft sich kein einziger Titel besser, die Kategorie enthält aber auch nur 39 Bücher.
Da das Kindle-Publikum sehr computeraffin ist und auch das zweite Sachbuch in der aktuellen Bestsellerliste in dieser Kategorie steht (Kindle - das inoffizielle Handbuch) - übertroffen nur vom grade nachrichtenrelevanten Joachim Gauck - lässt sich daraus noch mehr ableiten. Es wird oft gesagt, dass sich Fiktion auf dem Kindle deutlich besser verkauft als Sachbücher. Hier sieht man nun sehr gut, wie groß die Diskrepanz wirklich ist. Sachbücher mit Absätzen von mehr als einem Buch pro Tag machen einstellige Anteile am Gesamtangebot aus. Da der Gesamtschnitt aber um die 30% liegt bedeutet das, dass die Belletristik hier mit erheblich höheren Zahlen aufwarten kann. Vermutlich 50-60% als Durchschnitt aller Kategorien (Belletristik im engeren Sinne, Science-Fiction & Fantasy, Krimis & Thriller etc.). Nur am Rande interessant, aber doch erwähnenswert, sind dabei die schleppenden Verkäufe von Schwarzers Autobiografie.
Und da haben wir es: Wer mit eBooks Geld verdienen will, schreibt Geschichten. Das ist interessant, weil es genau die gegenteilige Situation vom Printmarkt ist, wo Sachbücher das mit Abstand größte Marktsegment stellen. Wenn man zusätzlich berücksichtigt, dass die Belletristik meines Wissens deutlich mehr kostenlose Titel enthält als der Sachbuchbereich, wird die Diskrepanz noch größer. Das kann ich aber nicht überprüfen, da ich keine Möglichkeit kenne, kostenlose Werke aus der Gesamtzahl abzuziehen.
Interessant wird jetzt, ob die Verkäufe mit dem einmal erreichten Bestsellerstatus anziehen.

Freundliche Hinweise
Der gute Wilhelm Ruprecht Frieling ist in der Buchwelt etwa so rührig wie ich gerne wäre und hat so nicht nur DAS DEPOT DES TEUFELS. Diabolische Reportagen neu rausgebracht, sondern auch erweiterte Auflagen von KILLER, KUNSTFURZER, KASTRATEN. Reportagen über ungewöhnliche Schicksale sowie des wunderbar betitelten Wie die Germanen den Tanga erfanden ... herausgebracht.

Aus der Szene
Fangen wir mit einem Lichtblick an: Ausgerechnet die Springerpresse, genauer Die Welt, erkennt unter dem Titel Nur nicht sentimental werden das große Problem, welches Börsenverein und Verlage, aber auch viele Autoren, an einem erfolgreichen Einstieg in die eBook-Welt hindert: Mangelnde Kundenorientierung. Denn Tage, an denen der Börsenverein die Wörter »Kunde« oder gar »Leser« in den Mund nimmt, kann man sich rot im Kalender anstreichen. Oder violett, wenn man es etwas kreativer mag.
Das Problem selbst zeigt sich denn auch zeitgleich sehr schön mit den ACTA-Forderungen der schon bei der Namensgebung verunglückten Deutschen Content-Allianz (warum nicht gleich Contentmafia?), die diesen von Stefan Niggemeier gleich ordentlich um die Ohren gehauen wurden. Ins selbe Problemfeld gehört meines Erachtens auch die mögliche Wiedereinführung der Buchpreisbindung in der Schweiz, die im März ansteht.
Doch zurück zu den Erfreulichkeiten: Jonas Winner, der Autor der erfolgreichen deutschen eBook-Reihe Berlin Gothic kann sich darüber freuen, dass die englischsprachigen Rechte an der Reihe von Amazon aufgekauft wurden. Mit Kerry Wilkinson erreicht erstmals eine britische Autorin Presserelevanz während in Amerika AK Alexander erfolgreich die Filmrechte für Daddy's Home verkaufen konnte - soweit ich weiss ebenfalls eine Premiere in der Szene.
Bei all diesen Ereignisse soll zuletzt nicht untergehen, dass mit dem Ectaco Jetbook Color das erste kommerzielle Lesegerät mit farbiger elektronischer Tinte auf dem Markt ist.

Kindle gegen Bücherregal
Wieder ein Rauswurf, den kein eBook, sondern das Internet an sich kompensiert: Mein Reiseführer für San Francisco war schon 2006 dezent veraltet, wie wir merkten, als wir damals vor dem geschlossenen Comicmuseum standen (wir sind dann zum frisch eingeweihten Walk of Game). Inzwischen dürfte dort kaum noch was stimmen und so schmiss ich das Buch nun kurzerhand weg. Google Earth und das Internet an sich werden mir ganz einfach bessere und weniger veraltete Dienste leisten, wenn ich das nächste mal in Kalifornien bin.

07.02.2012

eBook-Land: Woche 16

Bücher im Verkauf: 3 | Eigene: 1 | Einkünfte bisher: 35,84 € | Händler: 6
Kurzer Text diesmal, es gibt nicht viel zu erzählen.
Kurz hinweisen möchte ich nochmal auf die Umfrage rechts oben, die jetzt noch etwa 3 Tage läuft. Da dürfen ruhig noch mehr Leute mitstimmen ;-) .

In eigener Sache
Castor ist weiterhin im Zeitplan, ein bisher unangekündigtes Projekt (Der Molosser) ist aktuell im Lektorat und sollte noch vorher erscheinen.
Der Molosser wird ein etwas anderes Experiment: Drer Grundinhalt wird zeitgleich hier im Blog erscheinen, das eBook ist dann eine Art Bonusedition des Texts mit zahlreichen Extras. Erstens will ich das mal ausprobieren und zweitens will ich auch die Idee selber, die dort präsentiert wird, möglichst weit verbreiten. Also wird es diese hier kostenlos geben und wem das einen Euro wert ist oder wer zusätzliche Informationen haben will, für den gibt es das eBook. Im Erfolgsfalle wird da eine Serie draus.
Etwas länger als geplant ist unterdessen auch Feuchten Fußes im Lektorat. Da muss ich nochmal ran.

Aus der Szene
Der amüsanteste Meinungsaustausch zum eBook ist wohl diesmal diese Reaktion auf diesen Beitrag. Christian Stöcker schreibt - durchaus liebevoll und sich selbst dazuzählend - und Petra van Cronenburg platzt daraufhin die Hutschnur, weil sie nicht ein Feindbild zu entdecken meint, welches der Text einfach nicht hergibt. Sicher ist er ab und an provokativ formuliert, aber feindselig? Sätze wie der folgende sind zwar starker Tobak, aber den braucht es auch, um die romantische Verklärung des Papiers zu durchbrechen und das Vorurteil zu durchbrechen, Papier sei an sich besser:
Es ist verblüffend, wie intensiv der Datenträger Papier mit bestimmten, geradezu mythischen Eigenschaften aufgeladen wird - obwohl doch auch die "Bild"-Zeitung, Hardcore-Pornografie und sogar "Mein Kampf" auf Papier gedruckt werden. Die einzige Erklärung ist, dass hier wieder einmal jemand der so unbedingten wie anlasslosen Überzeugung ist, dass Papier als Datenträger Bildschirmen überlegen sei. Dass Nachrichten irgendwie besser, wahrer, wertvoller werden, wenn man sie auf Papier druckt, das danach quer durchs Land gekarrt werden muss, damit die Papierstapel frühmorgens überall auf den Türschwellen der Abonnenten abgelegt werden können.
Apple rudert nach der Diskussion um seine Nutzungbedingungen zurück und erhält möglicherweise Konkurrenz. Was zur absoluten Unzeit kommt, kocht doch das alte Zensurproblem doch wieder auf.
Telepolis tut inzwischen so, als hätte es Perry Rhodan, Flash Gordon und Buck Rogers nie und Kampfstern Galactica nicht bereits seit 35 Jahren gegeben. Dass die positive Utopie schon immer nur ein-zwei erwähnenswerte Werke pro Jahrzehnt hervorgebracht hat, wird da auch kurzerhand vergessen und vom Verschwinden positiver Utopien schwadroniert, nur weil grade keine in den Bestsellerlisten steht. Früher war halt alles besser, auch die Zukunft. In Sachen Überheblichkeit kann Telepolis aber trotzdem nicht mit dem englischen Guardian, wo Genre-Literatur eh Schund ist mithalten.

06.02.2012

Bibliothek der Zukunft

Vor einer Woche hatte ich hier von der Zukunft der Bibliothek gesprochen, orientiert an der aktuellen Diskussion in meiner mönchengladbacher Heimat. Hier nun folgt die logische Fortsetzung: Die Bibliothek der Zukunft und wie eBooks in das System passen, wenn ich es doch für einen Fehler halte, bestehende Bibliotheken auf diese Technologie umzustellen. Und da ich schon aufgrund der räumlichen Entfernung nicht zur Prototype in Leipzig kann, tu ich das hier im Blog.

Normalerweise braucht man keine örtliche Bindung, um eBooks auszuleihen. Daher ist im Grunde kein Bibliotheksgebäude nötig, was aber auch den negativen Effekt hat, dass Literatur sich aus der öffentlichen Wahrnehmbarkeit zurückzieht. Die Schaffung eines Bibliothekskonzepts ist somit Kulturförderung und seien wir ehrlich: Wirtschaftsförderung, denn Kultur ist auch ein Wirtschaftszweig. Es braucht daher ein Konzept, das eBooks lesen mit einer örtlichen Zuordnung verbindet, einen besonderen Ort für eBooks schafft. Zugleich kann es ein Problem lösen, dass bei eBooks nicht annähernd so leicht lösbar ist wie bei Papierbüchern: Der Zugang zu Kultur auch für finanziell schlechter Gestellte.
Dieses Bibliothekskonzept ist in mehrere Ebenen gegliedert und ich geh jetzt Ebene für Ebene durch, von innen nach aussen.

1: Leseraum & lokale Leihpauschale
Der Kern des Konzepts ist die Bibliothek selbst: An die Stelle eines großen Gebäudes mit Regalreihen voller Bücher tritt ein weitläufiger Leseraum mit Couchs und Tischen. Gegen eine jährliche oder monatliche Pauschale können die Kunden hier aus dem gesamten Angebot lesen. Technisch läuft das über ein lokales Netzwerk: Im Laden gibt es einen Sender, der ein relativ kleines kabelloses Netzwerk aufbaut. Lesegeräte in diesem Netzwerk können beliebig Inhalte vom Bibliotheksserver abfragen, der diese liefert. Ob der Sender dabei die komplette Buchdatei überträgt oder immer nur eine Seite, ist relativ egal.
Im Gegenzug haben die Lesegeräte eine entsprechende Software, die die Ausleihfunktion aktiviert, sobald das Netzwerk verfügbar ist. Das Lesegerät selbst bleibt im Besitz der Bibliothek, die es ausgegeben hat, wird den Nutzern aber dauerhaft überlassen und kann bei zusätzlichen Bibliotheken registriert werden (dazu sollte ausreichend selten Bedürfnis bestehen, dass man diesen Service ruhig bieten kann). Wer will kann das Lesegerät auch kaufen.
Als Ort für eine solche Einrichtung eignen sich hervorragend die leer stehenden Plattenläden und Videotheken in den Innenstädten: Groß, geräumig, hell. Perfekt, um ein paar gemütliche Möbel zum Lesen reinzustellen. So soll ein Raum geschaffen werden, in dem man in Ruhe und fern vom Alltag (nicht jeder liest gern zu Hause, wo Familie, Arbeit und Postbote nerven können) einfach nur lesen kann. Hauptprodukt dieser Ebene sind nicht die Bücher, sondern das Lesen.

2: Mitnahmeoption
Was dieses Modell gegenüber Online-Angeboten benachteiligt ist, dass man die Bücher nicht an beliebigen Orten ausleihen kann. Hier kommt die zweite Ebene ins Spiel: Gegen einen geringen Preis (10 Cent pro Woche? 1 Cent pro Tag? Müsste man durchrechnen und auch mit dem Kaufpreis abwägen) erwirbt man das Recht, ein Buch für eine gewisse Zeit auf seinem Lesegerät mitzunehmen.
Das erfordert natürlich eine Rechteverwaltung in dem Gerät, das zeitlich begrenzte Leserechte verwalten kann. Technisch kein Problem, aber meines Wissens bisher auf dem eBook-Markt nicht vorhanden.

3: Verkauf
Zuletzt ist es auch möglich, eBooks ganz normal zum vom Autoren festgelegten Preis zu kaufen. Nach dem Kauf gibt der Server dem Verkäufer entweder eine lizenzfreie Datei des Buches oder trägt es als gekauft in die Rechteverwaltung des Gerätes ein (ersteres wäre kundenfreundlicher, letzteres hätten die Verlage lieber). Um Datenverlust bei Verlust oder Austausch des Lesegeräts zu vermeiden speichert auch die Bibliothek eine Liste der vom Kunden erworbenen Bücher. Diese Liste wird in einer gemeinsamen Nutzerverwaltung der eBibliotheken gespeichert, damit der Nutzer auch dann noch auf seine Bücher zugreifen kann, wenn er umzieht oder die Bibliothek zugemacht hat.

4: Druckerei
Verfolgen wir die Entwicklung anderer verschwindender Technologien wie der Schallplatte, dem Bogenschießen oder der Fortbewegung per Pferd, findet sich ein gemeinsamer Trend: Die bisher normale Technologie wurde zu einem Sport oder Hobby, für das enorm viel Geld ausgegeben wird. Diesen Trend kann man im Buchbereich von vorneherein nutzen.
Ganz in der Tradition der alten Verlagsbuchhandlungen verfügen diese Bibliotheken der Zukunft über genau jene Gerät, dessen Untergang viele momentan vorhersagen: Eine Druckmaschine. Die alten Berufsbilder des Buchdruckers und Buchbinders erleben einen Wiederaufschwung durch die Herstellung handgefertigter gedruckter Editionen der zum Standart gewordenen eBooks. Diese Sparte existiert jetzt schon - gibt man ihr den gewaltigen eBook-Markt als Inhalt für ihre Produkte an die Hand, kann sie nach langem Siechtum wiederkehren. Es wird nicht viele Drucker geben, vielleicht zwei-drei in einer großen Stadt, aber sie werden einmalige Produkte bieten und entsprechend teuer verkaufen können für ein exklusives Publikum. Jenseits eines kollektivistischen Verlagswesens, das zunehmend als überflüssiger Wirtschaftszweig verschwindet werden sie individuelle Schmuckstücke fertigen.

Gesamtbild
Und das ist dann die neue Bibliothek: Ein großer Lesesaal mit einem Server für die Bücher und einer angeschlossenen Handwerksdruckerei, die teure Printeditionen für Sammler und Liebhaber herstellt. Print existiert in den alten Papierbibliotheken und als Handwerksprodukt für jene, denen diese Spezialform eines Buches der Preis wert ist. Buchhandlungen sind zunehmend zu eBibliotheken geworden, ob das Verlagswesen überhaupt noch existiert wage ich zu bezweifeln, sofern es nicht eine stichhaltige Rechtfertigung für seinen Fortbestand findet. Und in irgendeiner Form steht jedem Leser jedes Buch zur Verfügung.
Die technischen Hürden sind gering, im Grunde geht es nur um Software, die noch fehlt. Die Hardware besteht aus einem Server, einem Kabellosnetzwerk und einem eReader pro Kunde. Wenn jemand die Möglichkeiten hat und so etwas umsetzen will, sagt mir Bescheid, ich beteilige mich gerne ideell und berichte auch gerne darüber wie das Experiment läuft.

01.02.2012

eBook-Cover des Monats Januar 2012

Da mir im Laufe der Zeit immer wieder besonders gut gemachte eBook-Cover auffallen und ich offenbar gut eine monatliche Top-10-Liste zusammenbekomme, mache ich das doch glatt. Ich finde, ein Anstieg der allgemeinen Qualität unserer Cover kommt allen zu Gute.
Regeln: Es kann jedes Cover mitspielen, das ich im betreffendne Monat gesehen und das mir als besonders gut aufgefallen ist. Wer einen Vorschlag für die nächste Runde hat, kann den gerne in den Kommentaren einbringen. Keine Selbstvorschläge und auch von mir gestaltete Cover können nicht teilnehmen.
Mit dieser kurzen Einführung auf in die diesmonatige Liste:

10: Marx für Eilige
Marx für Eilige wäre ein wirklich schönes Cover. Die Silhouette des bekanntesten deutschen Philosophen auf jene eines Segway zu stellen ist die vielleicht einfachste Art, den Titel des Buches kurzerhand in Bildsprache umzusetzen.
Da es sich um ein Sachbuch handelt und Karl Marx jedem in irgendeiner Form bekannt sein sollte reicht das auch. Das Verlagslogo fügt sich sehr gut ins Gesamtbild ein.
Deutliche Abzüge und deshalb auch nur einen 10. Platz gibt es aber für die Farbwahl (Rosa? Ernsthaft?) und vor allem für die missglückte JPG-Konvertierung. Ein Bild mit so großen einfarbigen Flächen würde kein Grafiker der Welt als JPG abspeichern, das müsste in den Formaten GIF oder PNG gemacht werden. Sonst entstehen die hier im rosa Hintergrund kaum zu übersehenden Bildfehler. Dass ein derart grober Fehler nicht bereits vor der Einstellung des Titels bei Amazon aufgefallen ist, verwundert mich.
Trotzdem ist das Motiv und die Gestaltung an sich hervorragend und clever.

9: Carniboars
Carniboars ist ein schönes Beispiel für ein Seriencover: Genau wie der andere Band, When Land Sharks Attack! zeigt es einfarbig den Kopf des titelgebenden Ungeheuers. Während der Haikopf es nicht in die Liste geschafft hat, hat sich das Raubschwein durch sein auffälliges Design seinen Platz hier redlich verdient. Das... Ding sieht fremd und bedrohlich aus, die Farbgebung mit auffälligem Orange auf schwarzem Hintergrund betont das Motiv, sodass es dem vorbeirauschenden Auge schnell auffällt.
Der kleine Strich über dem Auge des Tiers ist ein Detail, das dieses Bild sehr schön abrundet. Das ist das i-Tüpfelchen, das dem eher langweilig becoverten Landsharks fehlt und zeigt, wie kleine Details ein Konzept abrunden können.

8: Pandora - End of Days Vol. One
Es hat etwas gedauert, aber hier ist ein Panoramacover, das alles richtig macht. Wenig überraschend kommt es aus dem Comicbereich, wo man mit kreativer Bildgestaltung und Bild-Text-Kombinationen viel Erfahrung hat. Das Motiv stellt eine Leere voller bedrohlicher Wesen dar. Das Panoramaformat ist so gut zur Darstellung von Leere geeignet, dass es für viele Cover zum Problem wird, hier aber wurde dieser Effekt bewusst genutzt, um eine bedrohliche Atmosphäre zu schaffen.
Die Details sind sehr genau durchdacht: Der Mond teilt das Bild in zwei Hälften. Die Leere ist nicht einfach schwarz, sondern gefüllt mit Gebäuden, Autowracks und „Personen“. Die Heldin mit Zopf und Rock bildet einen starken optischen Kontrast dazu, insbesondere durch ihre Körperhaltung, die keinerlei Angst erkennen lässt.

7: My Clockwork Muse
Nach Karl Marx darf auch Edgar Allan Poe sich ein hippes Accessoire zulegen: Eine Sonnenbrille! Und eine Pistole hat er auch. Das ist auch so ein Bild, das sofort ins Auge fällt, zugleich aber klar erkennbar einen Bezug zu Poe hat, de rhier als Protagonist agieren darf.
Die Geschichte dreht sich um einen Mörder, der Poes Geschichten nachvollzieht. Poe wendet seine beim Schreiben von Detektivgeschichten erworbenen Fähigkeiten an, um den Fall aufzuklären. Das ist eine seltsame Verbindung aus Horror à la Lovecraft, historischem Roman und Real Person Fiction. Das Cover selbst erinnert an den Steampunk-Sil, was zu diesem Genre-Mix durchaus passt.

6: Dracula
Graf Vlad Tepesz darf sich auch als Klassiker noch in diese Liste einreihen. Während die meisten Klassiker von Amazon noch nicht einmal ein richtiges Cover erhalten, darf sich Dracula einer Sonderbehandlung erfreuen. Damit ist er zwar nicht der einzige kostenlose gemeinfreie Titel mit vernünftiger Titelgestaltung, aber er befindet sich in ausgewählter Nachbarschaft.
Die Gestaltung selbst ist so einfach wie naheliegend und effektiv: Schriftzug in stilisiert alter Schrift, etwas Blut, das von oben herunterläuft. Mehr braucht es nicht, mehr wäre wahrscheinlich völlig fehl am Platze. Es ist Dracula, das Titelbild muss niemandem erklären, wer oder was Dracula ist und worum es in diesem Buch geht.
Er ist Dracula und ein Vampir. Wer das nicht mitbekommen hat, hat die letzten 200 Jahre in einem Sarg geschlafen. Und mit dieser Gewissheit, dass jeder weiss, worum es geht, kann das Cover gezielt schlicht auftreten.

5: All my Friends are Dead
Oooooooooooh...!
Der arme kleine, niedliche Dino! Alle seine Freunde sind tot und jetzt schaut er traurig auf genau diese Worte.
Niedlichkeit ist eine dieser Emotionen, die, richtig gemacht, richtig stark verfangen können. Eine andere solche Emotion ist Mitleid. Beides bringt dieses Cover mit seinem Zusammenspiel aus Bild und Text sehr gut rüber.
Vermuten würde man hier wohl ein Kinderbuch über einen traurigen Dinosaurier. Das Problem des Covers ist, dass es ein Witzeband ist voller betexteter Bilder mit dem Anfang „All my Friends are...“. Wer das weiss, dem erschließt sich auch das Cover, aber leider funktioniert das nicht umgekehrt.
Daraus immerhin habe ich etwas Neues gelernt: Man sollte immer zusätzlich an jemandem, der das Buch gar nicht kennt testen, ob er die inhaltliche Stoßrichtung des Titels einigermaßen korrekt erkennt.

4: Buck Johnson Serie
Okay, ein Drache. Erstmal nichts Besonderes. Farblich mit seinen Brauntönen schön gestaltet, aber letztlich sagt es nichts über die Geschich... ist das ein Cowboyhut? Und ein Lasso?
Ich liebe es, wenn Fantasy aus alteingesessenen Umgebungen wie der mittelalterlichen Märchenwelt ausbricht und andere Epochen und Genres übernimmt. Hier nun also der erste mir bekannte Fantasy-Western (Steampunk zähle ich zur Science-Fiction). Und er ist sehr effektiv verpackt: Die Farbgebung ist westerntypisch, aber auch in der Fantasy unverdächtig. Der Cowboyhut und das Lasso sind es dann, die die ungewöhnliche Mischugn verraten und den geneigten Leser darüber in Kenntnis setzen, dass ihn hier etwas anderes erwartet als er zunächst dachte.
Minuspunkt dafür, dass die Cover der ersten beiden Bände bis auf den Untertitel identisch sind, das hat sich aber mit dem dritten Band zum Glück erledigt.

3: Little Chick's First Day
Hier ist die Kategorie Kinderbuch jetzt richtig.
Niemand, aber auch wirklich niemand, der nicht bei Gutfried o.ä. arbeitet, findet ein frisch geschlüpftes Küken nicht süß.
Auch hier ist die Farbgebung sehr vorteilhaft: Das knallige Gelb des Kükens sticht vor dem eher blassen Hintergrund deutlich hervor und wird von den Bändern oben und unten bekräftigt, da sonst zu wenig Gelb da wäre, um das Auge des Surfers auf sich zu ziehen. „Niedlich“ ist eine Kategorie, auf die es bei Kinderbüchern besonders ankommt. Entweder man gestaltet sein Buch süßer als Feigen in Honig mit Zuckerguss oder man geht absichtlich in die andere Richtung und liefert groteske Bücher wie Der Grüffelo. An kleinen Kindern ist halt alles süß, auch ihre Bücher. Und wehe, man sagt den Eltern etwas anderes ;-) .

2: Angel Fire
Angel Fire ist ein überraschend häufiger Titel auf dem Kindle. Um so überraschender, dass dies der einzige Titel ist, der diesen Namen bildlich so effektiv umsetzt. Das Bild mit den aus Feuer bestehenden Flügeln ist ein echter Augenfang, wobei auch hier die gelbe Farbgebung auf dem dunkleren roten Hintergrund hilft. Trotzdem bleibt das Farbschema harmonisch, alles ist irgendwie mit Feuer assoziierbar.
Der Protagonistin hätte ich eine komplett andere Pose gegeben, bei dieser ist nicht ganz klar, was sie bedeuten soll. Zum Ausgleich gibt es Bonuspunkte für die hervorragende Lesbarkeit von Titel und Autorin auch bei größter im Shop auftretender Verkleinerung.
Übrigens das erste klassisch gestaltete Fantasy-Cover hier.

1: Trafficked
Gute Fotocover sind schwer, besonders mit Models. Nicht wegen zickiger Models oder dergleichen. Wenn ich das behaupten würde, wüsste ich drei Freundinnen, die mich nachher hauen. Ausserdem ist es nicht wahr. Nein, das Problem ist die Farbkomposition in Verbindung mit der Beleuchtung sowie das Zusammenspiel mit dem Titelschriftzug. Im Bereich der Romanzen hat man es hier etwas leichter, da eine übergrelle Ausleuchtung wie in einer Fernsehseifenoper dort als normal gilt.
Das hier ist das Gegenteil. Es geht um Menschenhandel und Zwangsprostitution, sensible Themen. Das Titelbild dieses Romans setzt darauf, das Thema so direkt wie möglich anzusprechen. Hände und Beine sind zu sehen, gefesselt. Die eigentliche Person ist im Dunkel verschwunden. Das stärkste Element aber sind die Hände, dem Betrachter entgegengestreckt und mit aufgeschriebenem Hilferuf.
Kein komplexes Bild, aber es enthält alle Aussage, die es benötigt.

Ausser Konkurrenz: Felix - Held in Ausbildung
Diesen Band habe ich im Dezember glatt vergessen zu berücksichtigen, was hiermit nachgetragen sei.
Ein Cover, das wortwörtlich eine Geschichte erzählt - und zwar eine lustige. In starker Verkleinerung sieht man das leider zunächst nicht. Bonus für die Hintergrundgestaltung in Form eines Blatts Papier mit Ringlochung.