01.12.2011

amazon.de

Es geht grade als Skandal durch die Blogosphäre: Amazon hat... irgendwas gemacht. Faktisch korrekt ist, sie haben sich zwei Wochen Arbeitszeit von "Saisonarbeitern" fremdfinanzieren lassen. Gern im Netz verbreitet wird die Behauptung, diese Arbeiter hätten in der zeit kein Geld erhalten. Doch zu dieser Differenz später mehr.
Meinen Beitrag eBook-Land: Woche 6 ließ ich daraufhin erstmal ausfallen, um mir in der Zwischenzeit ein Bild zu machen. Andere reagierten prompter und kündigten kurzerhand ihre Zusammenarbeit mit Amazon.de auf, darunter durchaus auch von mir durchaus hoch geschätzte Seiten. Allein, ich habe meine Zweifel an dem ganzen.
Ich werde weiter amazon nutzen. Und hier sind meine Gründe warum:

Mangel an Optionen
Nicht nur bietet amazon den einfachsten Zugang zu seinem Angebot für unabhängige Autoren, es beherrscht auch den Markt für elektronische Bücher. Da sind einerseits die Hürden, die deutsche Anbieter verlagsunabhängigen Autoren entgegenstehen. Das ist in den USA dank Barnes & Noble als direktem Konkurrenten zu Amazon besser, aber B&N liefert nicht nach Deutschland, die haben eine Sperre für ausserusane Nutzer. Auf der anderen Seite steht die Tatsache, dass niemand einen derartig hohen Marktanteil im eBook-Markt hat wie Amazon. Um auf diese Umsätze verzichten zu können, sollte man nicht unter die Auflagenzahlen eines Andreas Eschbach kommen.

Sondersache KDP
KDP (Kindle Direct Publishing) hat es in den USA geschafft, zahlreichen Schriftstellern zu einem wesentlich besseren Einkommen zu verhelfen und die Big 6, das Oligopol der sechs großen Verlagsgruppen, zu entmachten. Nicht länger bestimmen die Verlage, was die Leser lesen, sondern die Leser selber. Das ist im Grunde das, was die Blogs mit den Zeitungen gemacht haben - nur halt auf die Buchbranche übertragen. Ich denke, dass das, was Amazaon damit für die Autoren geleistet hat, die vom Spiegel aufgedeckte Geschichte überwiegt. Gäbe es ein zweites Unternehmen, das dies von sich behaupten könnte, sähe dieser Punkt vielleicht anders aus.
Hinzu kommt dann noch, dass die eBooks als rein elektronisches medium gar nicht durch die Logistik gehen. Die eBooks werden von einem Server in Chicago oder Luxemburg aus zur Verfügung gestellt. Einzig die Lesegeräte gehen einmalig durchs Logistikzentrum.

Achja, Bertelsmann
Die angesprochenen Big 6 bestehen vor allem aus in Deutschland basierten Verlagskonglomeraten und ganz vorne dabei sind die Holtzbrinck-Gruppe und Bertelsmann, wobei Bertelsmann der absolute Gigant ist, der den Buchmarkt sowohl in den USA als auch in Deutschland beherrscht. Die Umsätze dieses Giganten haben besonders unter der eBook-Revolution gelitten, gehört ihm doch mit Random House genau jener Verlag, der Marktführer in jenen Literaturfeldern ist, die der Kindle am schnellsten auffrisst (Taschenbuchausgaben von in SF, Fantasy und Liebesromanen). Das ist die eine eins zum Zusammenzählen.
Die andere eins ist, dass Bertelsmann in Deutschland den wohl größten und effektivsten aller Lobbyverbände besitzt: Die Bertelsmann-Stiftung. Und eines seiner Organe ist - ratet mal - Der Spiegel.
Ich sage nicht, dass die Behauptungen des Spiegel falsch sind, ich halte sie sogar grundsätzlich für wahr. Aber ich sage, dass die gesamte Branche so vorgeht und die Tatsache, dass Amazon als Sündenbock herausgepickt wurde ist von durchaus politischer Brisanz. Wenn Amazon nicht aufgehalten wird, droht dem deutschen Verlagswesen mit dem kommenden Weihnachtsgeschäft der Anfang jenes Endes, das sich in den (entgegen aller Gerüchte und Vorurteile extrem büchervernarrten) USA aktuell abzeichnet.
Hatte ich eigentlich erwähnt, dass wir Bertelsmann wohl mit Fug und Recht als einen Vater der Generation Praktikum bezeichnen können? Denn nirgends sind (gemessen an meinem Bekanntenkreis) mehr Pratikanten im Betrieb als bei Bertelsmann und seinen zahlreichen Tochterkonzernen (allen voran RTL).

Informationsmangel
Was wir aus dem Spiegel-Artikel wissen ist, dass die Kurzarbeiter bei Amazon zwei Wochen lang vom Stat bezahl werden. Wa swir nicht wissen ist, wie viel Geld sie erhalten, wie lange diese Arbeiter da bleiben, wie viele übernommen werden, warum vorzeitig ausscheidende ausscheiden etc. pp.
Das ist mri dann doch zu dürftig. Die Aussage des Hungerlohns jedenfalls ist auch durch den Spiegel-Artikel nicht gerechtfertigt udn sowohl Amazon selbst als auch das Arbeitsamt erzählen eine andere Geschichte als der Spiegel, etwa davon, dass nicht wenige dieser Arbeiter eine Festeinstellung erhalten. Und ja, der verlinkte RP-Artikel ist deutlich älter als die recycelte Spiegel-Geschichte. Was auch noch so ein Punkt ist: Wenn zwischen RP-Artikel und Spiegel-Bericht zwei Wochen stehen, warum ist der Spiegel-Bericht dann so sparsam mit Infos und bietet im Vergleich nichts neues?

Meine Schlussfolgerung aus dem allen: Amazon ist nicht unschuldig, aber handelt letztlich nur wie alle anderen. Ob die Vorwürfe korrekt sind, ist ungeklärt. Ausser Zweifel steht aber, was der Konzern für die unabhängige Autoren- und Schriftstellerszene und damit die Etablierung einer neumedialen Gegenöffentlichkeit leistet und geleistet hat.
Angesichts dieser gesellschaftlichen Rolle bin ich willens, Amazon einen Vertrauensvorsprung zu gewähren, den sich der Spiegel seit dem Abgang Rudolf Augsteins verdorben hat.

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